Warum und wieso ist es begründet das Werk der deutschen Autrorin Christa Wolf (1929–2011) und die estnischen Schriftstellerin Ene Mihkelson (1944–2017) einander gegenüber zustellen?
In meinem Buch "Ausgraben un Erinnern. Denkbilder des Erinnerns und der moralischen Zeugenschaft im Werk von Christa Wolf und Ene Mihkelson" (V&R unipress Göttingen, 2016) begründe ich, warum dieser Vergleich meines Erachtens wichtig und möglich ist.


Christa Wolf (1929–2011) und Ene Mihkelson (1944–2017) sind beide bedeutende Prosaschriftstellerinnen des 20. und 21. Jahrhunderts, die die Frage nach dem Erinnern zum zentralen Thema ihres literarischen Œuvres gemacht haben. Bei Christa Wolf handelt es sich um eine Autorin mit Weltruhm, bei Ene Mihkelson haben wir es mit einer Schriftstellerin einer sehr kleinen Literatur zu tun. Gemeinsam ist beiden Schriftstellerinnen, dass es ihnen um die persönliche Erinnerungsarbeit des Einzelnen, aber auch um die Aufarbeitung der Vergangenheit auf kollektiver Ebene geht. Sowohl Christa Wolf als auch Ene Mihkelson setzen sich intensiv mit dem europäischen kulturellen Gedächtnis aus nationaler Perspektive auseinander und gehen der Frage nach, wie das Erinnern in einer Gesellschaft zustande kommt und wie bestimmte Narrative entstehen und gepflegt werden. Dabei scheinen beide Autorinnen sich sehr wohl dessen bewusst zu sein, wie unterschiedlich die Erinnerungsnarrative sowohl auf der persönlichen als auch auf der nationalen Ebene sein können.

Wenn man sich aber vornimmt, Christa Wolfs und Ene Mihkelsons Schreiben einander gegenüberzustellen und bestimmte Aspekte ihrer Poetik vergleichend zu betrachten, erhebt sich die berechtigte Frage, ob das Werk der beiden Autorinnen überhaupt vergleichbar ist. Neben der ungleichen Position im Kontext der Weltliteratur und der Größe der gegenwärtigen Leserschaft muss man ebenso daran denken, dass Christa Wolf im nationalsozialistischen Deutschland aufgewachsen und in der DDR zur renommierten Lektorin, später zur anerkannten Schriftstellerin geworden ist. Ene Mihkelson als Tochter von Dissidenten hingegen erhält in Sowjetestland beispielsweise keine Promotionszulassung und ihre Lyrik findet wegen ihrer metrischen und thematischen Auffälligkeiten nicht gleich Aufnahme bei der Leserschaft. Christa Wolf bleibt ihr Leben lang eine gesellschaftlich aktive Stimme, eine Art öffentliche intellektuelle Autorität, Ene Mihkelson dagegen ist nie gesellschaftlich besonders aktiv gewesen, im Gegenteil, sie meidet öffentliches Auftreten.

Es gibt zudem Unterschiede zwischen den beiden Autorinnen, die es nicht zulassen, sie ohne Kommentare und ohne eine sachkundige Einleitung nebeneinanderzustellen. Darum sollen zunächst, um dieses durchaus nicht unproblematische und herausfordernde wissenschaftliche Unterfangen zu untermauern, einige Unterschiede sowie mögliche Affinitäten markiert werden.

Christa Wolf, deren Rolle oft auf die einer prominenten DDR-Schriftstellerin reduziert worden ist, was gelegentlich auch denunzierend wirken kann, hat während ihres Lebens drei unterschiedliche Gesellschaftsordnungen erfahren: Sie ist im nationalsozialistischen Deutschland auf dem Gebiet des heutigen Polens geboren, aus dem ihre Familie im Januar 1945 von der Roten Armee vertrieben wurde. Die sowjetischen Truppen rückten aber nur bis zur Elbe vor, was zugleich heißt, dass Christa Wolf nicht „über die Elbe“ (SdE*, 242) kam, sondern ihr bewusstes Erwachsenenleben im östlichen Teil Deutschlands, in der DDR verbrachte. Die DDR sollte eine Alternative zum Nazi-Deutschland darstellen. Nach der Wende erfuhr sie eine dritte Gesellschaftsordnung in dem ihr zunächst fremden wiedervereinigten Deutschland.

Durch den Krieg und durch die Vertreibung erschüttert, entschied sich Christa Wolf ziemlich früh und ganz bewusst für den Sozialismus und trat bereits nach ihrem Abitur im Jahre 1949 der Sozialistischen Einheitspartei Deutschland (SED) bei, deren Mitglied sie bis zu ihrem Austritt im Sommer 1989 blieb. Jörg Magenau zufolge begriff Wolf ihren Parteiaustritt als einen moralischen Entschluss, den sie „wie einen Kirchenaustritt als Gewissensentscheidung und möglichst geräuschlos“ (Magenau 2003: 368) vollzog, da sie „der SED nicht durch eine demonstrative Aktion schaden“ (ebd.) wollte. Auch wenn die Partei lange nicht mehr der Ort war, an dem sie sich heimisch fühlte und an deren Leben sie jahrelang nicht mehr teilnahm (nach dem Ausschluss ihres Mannes 1976), ist sie nie eine Gegnerin der Partei geworden. Eve Pormeister zufolge kann Christa Wolfs Bleiben bei der „Fahne der SED“ bis zum Sommer 1989 als „eine Art geistige Tarnung verstanden werden, um bei der (utopischen) Fahne der Humanität bleiben zu können“ (Pormeister 2013: 452).

Bereits nach ihrem Pädagogik- und Germanistikstudium erhielt Christa Wolf eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Deutschen Schriftstellerverband in Berlin. Von 1955 bis 1977 war sie Mitglied des Vorstandes des Deutschen Schriftstellerverbandes, von 1956 bis 1958 Cheflektorin des Verlages Neues Leben, von 1958 bis 1959 Redakteurin der Zeitschrift des Deutschen Schriftstellerverbandes „Neue Deutsche Literatur“ und von 1959 bis 1962 freie Lektorin beim Mitteldeutschen Verlag in Halle. Vom VI. Parteitag 1963 bis zum VII. Parteitag 1967 war sie auch Kandidatin des Zentralkomitees (ZK) der SED, von deren Kandidatenliste sie nach dem 11. Plenum des Zentralkomitees Mitte Dezember 1965 in Folge ihres dortigen Auftretens gestrichen wurde (vgl. Magenau 2003: 185).

Ohne alle Eckdaten ihres Lebens aufzuzählen ist klar, dass Christa Wolf eine politisch und gesellschaftlich aktive Person in der DDR gewesen ist und sich ganz bewusst für den Aufbau eines besseren sozialistischen Staates einsetzte. Auch wenn ihre Beziehung zum Staat nicht ohne Enttäuschungen und große Rückschläge blieb,[1] blieb die Schriftstellerin dem Staat treu und entschied sich gegen eine Ausreise aus der DDR. Auch während der Wende versuchte sie sich bis zum Schluss für die Erhaltung und Reformierung der DDR einzusetzen. Noch kurz vor dem Fall der Mauer am 9. November 1989 hielt sie am 4. November auf dem Alexanderplatz ihre Rede „Sprache der Wende“, in der sie den berühmt gewordenen Satz „Stell dir vor, es ist Sozialismus, und keiner geht weg!“ (Wolf 1990: 120) aussprach.[2] 

Christa Wolfs Beziehung zum und ihr Glaube an den sozialistischen Staat hört sich für jemanden, der aus einem ehemaligen Mitgliedsstaat der Sowjetunion kommt, zunächst sehr befremdend an. Genau diese Befremdung sollte einen vor Vorurteilen warnen, denn sie verweist implizit auf die unterschiedlichen Erinnerungskontexte und Erfahrungen. In dieser Situation ist es besonders spannend zu fragen: Was lässt die aus so verschiedenen Kontexten stammenden Autorinnen in gewissen poetischen Mitteln einander dennoch so nahe kommen?



Ene Mihkelson hat im Gegensatz zu Christa Wolf jemals weder politische oder gesellschaftlich führende Rollen innegehabt noch sich als eine gesellschaftlich aktive Person verstanden. Viel eher kennt man sie als Schriftstellerin, die nur dann in der Öffentlichkeit zu sehen ist, wenn dies nicht umgänglich ist, z. B. bei einer Preisverleihung oder bei der Präsentation ihres neuerschienenen Buches. Wenn Ene Mihkelson sich heute kaum zu den gesellschaftlichen Themen in Medien zu Wort meldet, muss es in den 1990er Jahren wohl etwas anders gewesen sein. So gibt es z. B. vom 3. Oktober 1997 von ihr eine Kolumne, in der sie zur Literatur als Identitätsmöglichkeit und zur Kontinuität des estnischen Schriftstellerverbandes, der seinen 75. Jahrestag feiert, Stellung nimmt (vgl. Mihkelson 1997: 2). Solche Stellungnahmen sind aber nicht sehr üblich für sie, eher trifft zu, dass es für Journalisten nicht so einfach ist, sie zu einem Interview zu überreden. Mihkelsons Äußerungen und Standpunkte über die gesellschaftlichen und politischen Probleme und Verhältnisse sind teilweise in ihren literarischen Werken nachzulesen.

Ene Mihkelson ist am 21. Oktober 1944, in der Zeit des Regimewechsels, geboren. Als die deutschen Truppen sich vom Sommer bis zum Herbst des Jahres 1944 vom estnischen Gebiet zurückzogen, wurde die Estnische Republik erneut von der sowjetischen Armee besetzt und der Sowjetunion einverleibt.[3] Da Ene Mihkelsons Vater vor dem Ausbruch des Krieges einen Bauernhof geerbt hatte und von der Sowjetmacht daher zum Kulaken (Großbauern) abgestempelt wurde, zudem aber auch in deutscher Kriegsgefangenschaft gewesen war, musste die Familie 1949 ihr Zuhause verlassen und sich im Wald verstecken, um nicht im Zuge der sog. März-Deportationen nach Sibirien geschickt zu werden.

Während die Eltern im Wald blieben, wuchs das Kind Ene Mihkelson bei Verwandten und später bei ihrer Tante in Virumaa (heute Landkreis Lääne-Virumaa) auf. Aus diesem Grunde ist Mihkelson zunächst in Rägavere (1952–1953), später in Karitsa (1953–1959) zur Schule gegangen.[4] Ihr Abitur machte sie in einer Internatsschule in Rakvere (1959–1963) (vgl. Nagelmaa 1991: 624). Direkt danach entschied sie sich für ein fünfjähriges Studium der estnischen Philologie an der Universität Tartu. Nach dem Abschluss wurde sie verpflichtet, ein Jahr lang (1968–1969) als Lehrerin für estnische Sprache und Literatur am Gymnasium von Võnnu zu arbeiten.[5] Von 1969 bis 1979 war Mihkelson als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Estnischen Literaturmuseum in Tartu tätig. In dieser Periode veröffentlichte sie zahlreiche Literaturkritiken und Untersuchungen in Zeitschriften und Zeitungen, die im Jahre 1986 unter dem Titel „Kirjanduse seletusi. Artikleid ja retsensioone 1973–1983“ (Erläuterungen zur Literatur. Artikel und Rezensionen 1973–1983) herausgegeben wurden (vgl. Mihkelson 1986). Seit 1979 ist Ene Mihkelson Mitglied des Estnischen Schriftstellerverbandes und als freiberufliche[6] Schriftstellerin tätig (vgl. Linnumägi 1995: 13).

Auch wenn Ene Mihkelson und Christa Wolf äußerlich scheinbar als Gegenpole auftreten, sagt das noch nichts über ihr Prosawerk aus. Es ist nicht uninteressant und nicht unwichtig darüber nachzudenken, dass sowohl „Kindheitsmuster“ (1976) als auch „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“ (2010) als Folgen bzw. Verarbeitungen tiefer innerer Erschütterungen der Autorin entstanden sind. Als Resultat tiefer existenzieller Krisen eines Ichs sind auch die Romane von Ene Mihkelson anzusehen. Vereinfacht könnte man sagen, dass sowohl Ene Mihkelsons „Ahasveeruse uni“ als auch Christa Wolfs „Kindheitsmuster“ das Durcheinander in einer Person darstellen, das entsteht, wenn man das Vergangene zu erinnern und zu rekonstruieren versucht und sich auf die Suche nach der Wahrheit begibt. „Katkuhaud“ und „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“ dokumentieren wiederum die Krise der Erkenntnis: In Wolfs Roman offenbart sie sich im Ausmaß der bekanntgewordenen Stasi-Dokumentation über die Autorin und in Mihkelsons Roman in der Erkenntnis, dass die Tante, die für die Ich-Erzählerin den Ersatz für ein Zuhause darstellte, tatsächlich eine Agentin des NKWD,[7] des sowjetischen Geheimdienstes, war.

Wie man sieht, haben sowohl die deutsche als auch die estnische Autorin die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Regime miterlebt und sind z. T. auch deren Opfer geworden. Christa Wolf hat die Vertreibung der Deutschen aus den Gebieten des heutigen Polens miterlebt und ihr Zuhause und ihre Heimat verloren, Ene Mihkelson und ihre Eltern sind zwar nicht deportiert bzw. vertrieben worden, wären aber sicherlich dazu verurteilt gewesen, hätten sie sich nicht als Partisanen vor dem Regime im Wald versteckt. Auch sie verloren ihr Zuhause.

Im Unterschied zu Christa Wolf, die in die DDR hineingewachsen war und für die der Sozialismus zu ihrer Ideologie wurde, kannte Ene Mihkelson außer dem estnischen Realsozialismus keine andere Realität. Schon von vornherein als Tochter von Dissidenten gebrandmarkt, musste sie in dieser Welt zurechtkommen und stets ihre Herkunft verheimlichen. Erst durch den Regimewechsel nach der Perestroika und dem Zerfall der Sowjetunion kam es dazu, dass sie anfing Prosawerke zu veröffentlichen. Ihre ersten Lyrikbände erschienen Ende der 1970er Jahre, auch wenn sie schon in den 1960er Jahren mit dem Schreiben von Gedichten begonnen hatte.

Außer der Erfahrung, in unterschiedlichen gesellschaftlichen Systemen veröffentlicht zu haben, scheint beiden Autorinnen auch die Überzeugung gemeinsam zu sein, dass die Veränderungen und Einflüsse der Machtregime auf der Ebene des Einzelnen mitzureflektieren und im literarischen Werk zu widerspiegeln sind. Es geht beiden darum, die Beziehungen zwischen dem Vergangenen, das oft gar nicht vergangen und tot ist, wie wir glauben, und der Gegenwart bloßzulegen. So stehen ihre Werke für die Verantwortung des Schriftstellers, bestimmte gesellschaftliche Prozesse zu durchleuchten und deren Einflüsse auf der persönlichen Ebene literarisch darzustellen. Es ist gewiss nicht falsch zu behaupten, dass sowohl Christa Wolf auch als auch Ene Mihkelson dem Schriftsteller eine gewisse Mission zusprechen.

Bereits im Jahre 1971 spricht Mihkelson in einem kurzen Essay über die Verantwortung des Künstlers, die darin besteht, sich vertiefen zu müssen, um durch das Alltägliche und das Oberflächliche in die Tiefen zu gelangen, die auf dem ersten Blick nicht zu erkennen sind:

 

„Der Künstler öffnet die Oberfläche, und in seiner Standhaftigkeit, in seiner Pflicht zu leiden, die Spannung auszuhalten, was den hinter den Alltäglichkeiten verborgenen Menschen nicht bis zur Neige erfahrbar ist, besteht seine Verantwortung vor der Gesellschaft.“ (Mihkelson 1971: 947)

 

Das Sich-Vertiefen und das Dringen durch die Oberfläche – also die Tiefe – sind auch für Christa Wolf bereits im Jahre 1968 die zentralen Kategorien, als sie ihr Essay „Lesen und Schreiben“ verfasst:

 

„Unser Gehirn ist genügend differenziert, die lineare Ausdehnung der Zeit – nennen wir sie die Oberfläche – durch Erinnerung und Vorschau fast unendlich zu vertiefen. […] Tiefe: Wenn sie keine Eigenschaft der materiellen Welt ist, so muß sie eine Erfahrung sein, eine Fähigkeit, die im gesellschaftlichen Zusammenleben der Menschen über lange Zeiträume erworben wurde und sich nicht nur gehalten, sondern entwickelt hat, weil sie brauchbar war.“ (Wolf 1980: 13)

 

Das Sich-Vertiefen bezieht sich im Werk der beiden einerseits auf die Vertiefung in die Zeit der persönlichen Vergangenheit, andererseits ist es zugleich ein viel breiteres Phänomen und eine Kategorie des Schreibens. Denn wie wir aus dem Werk von Christa Wolf wissen, vertieft sie sich nicht nur in die Literatur der Romantik, sondern auch in die der Antike, um nach den Mustern und dem Vergangenen zu suchen. Ein Gleiches gilt für Ene Mihkelson, die sich innerhalb ihres Romans „Ahasveeruse uni“ ausführlich mit der deutschbaltischen Geschichte des Landes auseinandersetzt oder die Figur aus einer mittelalterlichen Legende – den Ahasver – zum Sinnbild ihres Werkes macht.[8]

Mihkelson und Wolf vertiefen sich nicht nur in die aus eigenen familiären Kreisen bekannten Erfahrungen, sondern breiten die Aufforderung der Tiefe noch weiter aus. Dazu gehört meines Erachtens auch das Sich-Vertiefen in die Schriften und Einsichten anderer Schriftsteller-Vorbilder[9] sowie in die Geschichte anhand historischer Dokumente und Archivmaterialien.

Die Aufforderung, nicht lediglich frei zu fabulieren, sondern sich an die Vorlagen und das historische Material zu halten bzw. es „wahrheitsgetreu zu erfinden auf Grund eigener Erfahrung“ (Wolf 1980a: 27), ist beiden Autorinnen eigen.

Auch wenn die Lebenserfahrungen von Wolf und Mihkelson sehr unterschiedlich sind und sie ihre Position in der Gesellschaft als Schriftsteller grundsätzlich verschieden verinnerlicht haben, gibt es dennoch Gemeinsamkeiten darin, welche Rolle sie dem Schriftsteller bei der Durchleuchtung der Prozesse der Vergangenheitsaufarbeitung sowie der Verhaltensmuster der Menschen jeweils zusprechen


[1] Nach dem 11. Plenum des ZK der SED im Dezember 1965 erleidet Wolf eine Herzattacke und eine tiefe, lange Depression, über die sie lange öffentlich nicht spricht (vgl. Magenau 2003: 186). Die Momente der großen Enttäuschungen von der Parteipolitik und die damit einhergehende Hoffnungs- und Aussichtslosigkeit werden auch in „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“ dokumentiert (vgl. SdE, 168).

[2] Auch während dieses Ereignisses erleidet Wolf einen Herzanfall und wird vom Rednerpult direkt ins Krankenhaus gebracht (vgl. Magenau 2003: 383).

[3] Estland wurde am 24. Februar 1918 als Staat gegründet und im Sommer 1940 infolge des Molotov-Ribbentrop-Paktes von sowjetischen Truppen besetzt und der Sowjetunion angeschlossen. Infolgedessen wurden am 14. Juni 1941 etwa 10 000 Männer, Frauen und Kinder aus Estland in Viehwaggons nach Sibirien deportiert (die erste Massendeportation). Der ersten sowjetischen Besatzung von 1940 bis 1941 folgte die deutsche Besatzung bis 1944, nach der Estland sowie Lettland uns Litauen erneut der Sowjetunion angeschlossen wurden und neue Repressalien ausgesetzt waren. Die zweite große Massendeportation aus Estland fand am 25. März 1949 statt. Damals wurden etwa 30 000 Menschen in Viehwaggons abtransportiert. Die Zahl der Flüchtlinge vor der zweiten sowjetischen Besetzung wird auf etwa 70 000 Menschen geschätzt (vgl. Hasselblatt 2006: 544).

[4] Sowohl Rägavere (deutsch Raggafer) als auch Karitsa (deutsch Karritz) sind ehemalige deutschbaltische Gutshäuser, die von Parkanlagen umgeben sind. Ene Mihkelson hat sich dazu bekannt, dass diese Umgebungen sie in ihrer Kindheit stark geprägt haben (vgl. Linnumägi 1995: 13).

[5] Während der Sowjetzeit war es üblich, dass einem nach dem Studium eine Arbeitsstelle zugewiesen wurde. Mihkelson sagt, dass sie ungern die Stelle als Lehrerin antrat, weil sie sich dafür nicht geeignet fühlte (vgl. Linnumägi 1995: 13). Das Thema der verpflichteten ersten Arbeitsstelle wird auch in der Kurzgeschichte „Sodomiit“ (Der Sodomit) behandelt (vgl. Mihkelson 1996: 42-46; Klemnts 2007: 33ff.).

[6] Damals als „professionelle Schriftstellerin“ (kutseline kirjanik) bezeichnet (vgl. Nagelmaa 1991: 625).

[7] Die Abkürzung NKWD steht für „Narodny kommissariat wnutrennich del“ (russ. Volkskommissariat für innere Angelegenheiten).

[8] Die estnische Literaturwissenschaftlerin Eneken Laanes hat sich mit der kritischen Auseinandersetzung des Bildes der 700-jährigen Sklaverei im Roman „Ahasveeruse uni“ eingehender beschäftigt (vgl. Laanes 2008).

[9] So hat Christa Wolf z. B. im Roman „Kindheitsmuster“ im achten Kapitel sogar eine Art literarische Hommage an Ingeborg Bachmann eingebaut, die während der Abfassung des Romans auf tragische Weise stirbt (vgl. dazu Sakova 2007).


LITERATUR

SdE - Wolf, Christa (2010). Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud. Berlin: Suhrkamp.

Hasselblatt, Cornelius (2006). Geschichte der estnischen Literatur : von den Anfängen bis zur Gegenwart. Berlin, New York: de Gruyter.
Klemnts [Klement], Kalli (2007). Estland berättar : Hur man dödar minnet. Fjorton noveller. Stockholm: Tranan.
Laanes, Eneken (2008). Balti põiming: 700-aastase orjaöö kujundi kriitika Ene Mihkelsoni »Ahasveeruse unes«. In: Undusk, Rein (Hrsg.): Rahvuskultuur ja tema teised. Collegium litterarum 22. Tallinn: Underi ja Tuglase Kirjanduskeskus, S. 177–191.
Linnumägi, Erik (1995). Ene Mihkelson: usun muutmisjõusse ja elan iga päeva kui viimast I. In: Postimees, 26. Juli 1995. S. 13.
Magenau, Jörg (2003). Christa Wolf. Eine Biographie. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag.
Mihkelson, Ene (1971). Isiklikust kunstis. In: Looming, Nr. 6, S. 947–948.
Mihkelson, Ene (1996). Surma sünnipäev. Tallinn: Tuum.
Mihkelson, Ene (1997). Kirjandus kui identiteedivõimalus. In: Sirp, 3. Oktober 1997. S. 2.
Nagelmaa, Silvia (1991). Ene Mihkelson. In: Kalda, Maie (Hrsg.): Eesti kirjanduse ajalugu viies köites. V kd, 2. rmt: kirjandus Eestis 1950–1980-ndail aastail. Tallinn: Eesti Raamat, S. 624–627.
Pormeister, Eve (2013). »Aber die Frage begleitet mich: Wie lebt man in einer Diktatur?« ChristaWolf –Hoffnungen und Enttäuschungen einer DDR-Autorin. In: Interlitteraria, Nr. 18/2, S. 444–461.
Sakova, Aija (2007). Ingeborg-Bachmann-Rezeption im Werk Christa Wolfs. In: Graubner, Hans; Pormeister, Eve (Hrsg.): »DieWahrheit ist demMenschen zumutbar«: Beiträge zur Internationalen Konferenz anlässlich des 80. Geburtstages von Ingeborg Bachmann: 12. bis 13. April 2006. Tartu: Tartu University Press, S. 171–180.
Wolf, Christa (1980). Lesen und Schreiben. In:Wolf, Christa: Lesen und Schreiben. Neue Sammlung. Essays, Aufsätze, Reden. Darmstadt, Neuwied: Luchterhand, S. 9–48.
Wolf, Christa (1990). Sprache der Wende. In: Wolf, Christa: Im Dialog. Aktuelle Texte. Berlin, Weimar: Aufbau-Verlag, S. 119–121.